Tag 26: Paris – Roscoff

Nach mehr als 1.000 Kilometern und vier Wochen täglicher Radelei entsteht unweigerlich ein liebevolles Verhältnis zum Fahrrad. Das bleibt nicht aus. Meine heißt Hilde und ist ein kleiner Araber: zäh, elegant und ausdauernd. Bronko ist ihr bester Freund, Thomas’ türkisfarbener Schatz, etwas kräftiger gebaut – das brauchte er auch in seiner Rolle als Packpferd für die Campingausrüstung.

Nun stehen die beiden dicht aneinandergekuschelt im TGV nach Morlaix – diesmal mit Luft zum Atmen und nicht in Kofferberge eingehüllt – und lassen sich auch einmal kutschieren. Das haben sie sich redlich verdient.

Keinen einzigen Platten hatten wir. Nur einmal ist Broncos Kette gerissen. Wie der liebe Gott es wollte, war aber keine 500 Meter weiter schon der nächste Fahrradretter erreichbar.

Danke, dass ihr so zuverlässig wart. Zu Hause machen wir euch wieder hübsch sauber und spendieren eine kleine Wellnesskur. Versprochen. 

Tag 25: Biarritz – Paris (via Zug)

Bahnfahren ist in Frankreich genauso spannend wie in Deutschland.

Einen Sitzplatz samt Fahrradstellplatz im TGV zu ergattern, ist hohe Kunst und hat inzwischen Goldstaub-Status. Thomas war erfolgreich. Wir fahren von Biarritz nach Dax mit dem Regionalzug, ab Dax weiter mit dem TGV nach Paris. So der Plan.

Nun kommt das Wetter: zu heiß. Die meisten Regionalzüge werden annulliert. Bis auf einen – um 6.13 Uhr in aller Herrgottsfrühe. Prima, wir haben also fünf Stunden Zeit, das beschauliche Seelen-Örtchen Dax zu erkunden.

Der TGV in Dax ist mit fünf Minuten Verspätung erfreulich pünktlich. Unsere Fahrradstellplätze beherbergen allerdings bereits rund zehn große Koffer, die andere Mitreisende mangels Alternativen dort abgestellt haben. Wir machen uns sofort Freunde.
Nachdem Platz für die Räder geschaffen ist, die Mitreisenden auf ihren Koffern sitzen und niemand mehr aufs Klo kommt, erwartet uns in Bordeaux die nächste Überraschung: Wir sollen die Plätze tauschen – in einen Waggon ganz am anderen Ende des Zuges. Wohl ohne Fahrräder, denn die bekommen wir wegen der Kofferberge erst einmal nicht mehr bewegt.

Eine Pfadfindergruppe, die bereits eine eintägige Odyssee bei 40 Grad hinter sich hatte, sollte geschlossen in unserem Abteil sitzen. Sympathische Überlegung. Man habe uns doch informiert, erklärt der herbeigerufene Zugbegleiter. Wir zeigen auf unsere Tickets samt Platzzuweisungen in der App. Ja, aber nicht in der App, sondern per E-Mail.

Der nachträgliche Blick ins Postfach zeigt: Er hat recht. Um 12.20 Uhr kam die Nachricht. Abfahrt war um 12.23 Uhr. Unser Learning: stets alle Kanäle im Blick behalten und immer schön flexibel bleiben.

Obwohl – das fulminante Finale kommt noch. Man stelle sich einen 1,50 Meter breiten Bahnsteig im Untergeschoss bei 40 Grad vor und etwa 600 Menschen, die gleichzeitig aus dem Zug strömen. Eine Kindergruppe mit 40 Koffern, die allen im Weg steht, eine Assistenz mit Rollstuhl, die auf einen Fahrgast wartet, und unsere Fahrräder, die man hinter den Kofferbergen kaum noch findet.

Und in den Aufzug passt Thomas’ Fahrrad nicht hinein – durch die Ausstiegspforte übrigens auch nicht.

Ich glaube, wir haben jetzt wirklich alles mitgenommen, was Bahnfahren mit SNCF zu bieten hat. Oder fehlt noch etwas?

Tag 24: Bayonne – Biarritz

Napoleon III. war schon ein interessanter Vogel. Die Familie Bonaparte lebte im Exil, doch Louis-Napoleon wollte vor allem eines: Monarch werden. Nach mehreren unerquicklich gescheiterten Anläufen ließ er sich zunächst ganz demokratisch zum Präsidenten wählen – und krönte sich ein paar Jahre später kurzerhand selbst zum Kaiser.

Paris verdankt ihm die breiten Boulevards und Biarritz seine zweite Karriere. Aus einem rauen Fischerdorf machte er seinen Sommersitz und damit einen der mondänsten Badeorte Europas.

Denn eigentlich war Biarritz eine Stadt der Walfänger. Hier lebten die besten Jäger und Fischer der Region: harte, zähe Kerle, die Küste ist wild und schroff, voller Felsen und Klippen. Statt endloser Sandstrände mit sanften Dünen gibt es hier mehr kleinere Buchten, in denen sich der Sand eine Nische zwischen den Felsen erobert hat. Für uns sehr plötzlich eine ganz andere Landschaft

Eigentlich führt die Vélodyssée noch weiter bis Hendaye. Aber die letzten Kilometer schenken wir uns. Diese Hügel haben es in sich, und wir finden: Biarritz ist ein geradezu königlicher Schlusspunkt für unsere knapp 1.200 Kilometer lange Reise – die übrigens alles war, nur keine Odyssee: Eher ein einziges Staunen über die Vielfalt der Landschaften, die Herzlichkeit der Menschen und die Erkenntnis, dass 1.200 Kilometer viel schneller vergehen, als man glaubt.

Tag 22/23: Messanges – Bayonne

Viele Vélodyssée-Fahrer lassen Bayonne links liegen – so kurz vor dem Ziel will man offenbar nur noch nach Biarritz und ins wohlverdiente Finale rollen. Ein Sakrileg, wenn man mich fragt. Denn Bayonne ist ein mittelalterliches Schatzkästchen der Superlative, ein Traum in Blau, Rot und Grün.

Die Farben der Fensterläden und Fachwerkbalken sind typisch fürs Baskenland. Die Häuser selbst sind spektakulär hoch und erstaunlich schmal. Der Platz innerhalb der Stadtmauern war kostbar, also wurde eben nach oben gebaut – für Menschen, Handel und allerlei Waren. Wir haben für zwei Nächte eine klitzekleine Fereinwohnung – mitten in der Altstadt. (Wie schön, mal wieder in einem richtigen Bett zu liegen – vor allem schön breit)

Dazu gibt es mit der Kathedrale Saint-Marie eine gewaltige gotische Kirche samt zauberhaftem Kreuzgang, ein sehenswertes Kunstmuseum und sogar ein Kaufhaus, das sich auch in Paris nicht verstecken müsste. Leider. Aber gut – wir sind ja fast am Ende der Reise und irgendwo ist wohl noch Platz in den Satteltaschen.

Extra-Tipp: Im Kunstmuseum hängen zahlreiche Werke von Léon Bonnat, einem Sohn der Stadt und gefeierten Porträtmaler der Belle Époque. Wer damals Rang, Namen und ausreichend Vermögen besaß, ließ sich von ihm verewigen. So spaziert man dort heute nicht nur vorbei an Werken von Peter Paul Rubens und Co (ja, die hängen da), viel interessanter fand ich eben diese Vertreter der Pariser High Society jener Zeit: Bankiers, Industrielle, Adelige und andere Menschen, die vermutlich nie im Leben ihr Fahrrad selbst einen Berg hinaufgeschoben haben. Und das alles in einem prachtvollen Stadtpalais, das heute das Kunstmuseum beherbergt.


Tag 20/21: Parentis – Mimizian – Messanges

Die Hitze brüllt. In León verkündet das Schild über der Pharmacie ungerührt: 40 Grad. Radfahren? Nicht diskutabel. In Bayonne wartet eine Ferienwohnung und in Biarritz ein heiß begehrter TGV-Sitzplatz samt Fahrradstellplatz. Also wird nicht debattiert, sondern geschwitzt.

Der Plan: früh los, lange Mittagspause, danach entspannt weiter. Der Wettergott hatte allerdings andere Ideen. Statt nachmittäglicher Abkühlung dreht die Hitze im Laufe des Tages erst richtig auf.

Zum Meer gehen wir inzwischen zu den vernünftigen Zeiten: mittags oder abends um acht. Der Atlantik ist herrlich kalt, die Wellen erstaunlich zahm. Und wir perfektionieren die hohe Kunst des Mikroklimatologie. Wir erkennen mittlerweile zuverlässig die feinen Unterschiede zwischen altem Pinienwald, junger und mittelalter Schonung. Keine Frage, wer hier unser heimlicher Favorit ist: alter Wald. Kühler, würdevoller und mit deutlich besseren Manieren als diese 40 Grad.

Screenshot

Tag 9: St Gilles – Les Sables d‘ Olonne

Mittwochs ist Markt in St-Gilles-Croix-de-Vie und inzwischen kenne ich mich erstaunlich gut mit den Preisen von Wellhornschnecken, Meeresschnecken und Austern aus.

Bei den Austern wird streng nach Größen von 1 bis 6 sortiert. Irgendwie erinnert mich das an deutsche Spargelklassen – nur eben mit deutlich mehr Meer. Und wie beim Spargel gilt offenbar auch hier: Die mittlere Größe ist am teuersten.

Das Beste kam am Abend, als wir die maritimen Schätze höchstpersönlich verkostet haben. Mein persönlicher Favorit? Ganz klar die Wellhornschnecke. Da hat man wenigstens etwas Ordentliches zwischen den Zähnen.  

Tag 8: Pornic – St.- Gilles-Croix-de-Vie

Unser Nachbar Stefan hat uns per WhatsApp das aktuelle Glücksbarometer deutscher Großstädte geschickt. Oft sind Menschen dort besonders zufrieden, wo die Heimatverbundenheit groß ist – vielleicht nicht automatisch glücklicher, aber irgendwie geerdeter.

Und damit sind wir schon in der Vendée. Die soll ein bisschen anders sein als der Rest Frankreichs. Wobei das vermutlich jedes Département von sich behauptet. Den Vendéern sagt man nach, sie seien zurückhaltender, katholischer und ihrer Region besonders verbunden. Ein klein wenig spürt man diesen Geist tatsächlich. Wir fahren durch die Salzmarschen mit

• unzähligen Kanälen
• winzigen Häfen
• Ragondins (also Nutrias)
• Reihern und jeder Menge Grün
• und einem 24-Stunden-Austernstand

Ja, richtig gelesen: Austern rund um die Uhr. 24 Stück für 12,50 Euro. Die Franzosen wissen halt, was wichtig ist.

Und während wir zwischen Wasserarmen, Gräsern und den etwas überdimensionierten Nagetieren dahingleiten, drängt sich der Gedanke auf: Vielleicht hat Zufriedenheit tatsächlich etwas mit Heimatverbundenheit zu tun. Oder mit einem Austernautomaten, der auch nachts um halb zwei noch geöffnet hat.