2.Juni: Roscoff – Morlaix

Der Tag beginnt mit Sonne. Viel Sonne. Dazu ein phänomenaler Strand und ausgesprochen nette Nachbarn aus England, die uns ungefragt ihre Campingstühle anbieten. Offenbar strahlen wir eine Mischung aus Hilfsbedürftigkeit und Sympathie aus.

Überhaupt scheinen wir auf dem Campingplatz eine kleine Attraktion zu sein. Überall Camper. Überall Wohnmobile. Überall Boomer. Und mittendrin: die beiden Ollen mit dem einzigen Zelt weit und breit. Man wird beäugt wie eine seltene Vogelart.

Bei der Abfahrt sorgt die Rezeption für den nächsten kleinen Kulturschock. Der Mann an der Rezeption freut sich tatsächlich, dass wir überhaupt bezahlen wollen. Zehn Euro wären fällig gewesen. Wir runden auf fünfzehn auf. D

Im Hafen von Roscoff kann man kostenlos parken. Als ordentliche Deutsche kann ich das natürlich nicht einfach glauben und marschiere pflichtbewusst zur Hafenverwaltung. Dort schaut man mich etwas erstaunt an und erklärt, dass das Parken selbstverständlich kostenlos sei. Es störe doch niemanden. So einfach kann die Welt außerhalb Deutschlands manchmal sein.

Die späte Ankunft vom Vorabend fordert allerdings ihren Tribut. Bis wir tatsächlich startklar sind, ist es schon fast Mittag.

Dann geht es endlich los.

Die Fahrräder sind erstaunlich gut bepackt. Vor allem sind sie erstaunlich schwer. Der Wind bläst, die Hügel steigen an, und schon nach kurzer Zeit hauen uns Bretagne und Physik gemeinsam ordentlich um die Ohren. Die Erkenntnis des Tages: Man muss nicht gleich am ersten Tag den Helden spielen.

Also treffen wir eine spontane und ausgesprochen vernünftige Entscheidung: Morlaix. Hotel. Dusche. Bett.

Langsam reinkommen ist schließlich auch eine Strategie.

Roscoff

1569 war der Torcode, 12 unser Stellplatz. Duschen konnten wir in Mobilheim 21 und 22, weil die Waschräume defekt waren. Das klärten wir in fünf Minuten am Telefon.

Erst danach bemerkten wir, dass Campingplätze nicht unbedingt rund um die Uhr besetzt sind. Es war 18.55 Uhr, um 19.00 Uhr war Feierabend.

Eigentlich wollten wir bei Tageslicht ankommen, das Zelt in Ruhe aufbauen und unser Gepäck für den Start am nächsten Morgen sortieren. Doch die Anreise hatte einen anderen Plan.

Eine Bundesstraße wurde direkt vor unserer Nase gesperrt. Google Maps ignorierte das hartnäckig und lotste uns immer wieder dorthin. Das kostete Zeit und Nerven.

Um 23.00 Uhr erreichten wir Roscoff. Der Campingplatz empfing uns mit strömendem Regen und heftigem Meeresrauschen. Bretonischer hätte die Begrüßung kaum sein können.

Es war die erste Nacht in unserem neuen Zelt.

„Hoffentlich hält das Zelt dicht“, sagte Thomas.

Kurz dachte ich über die Alternative nach, wollte es aber lieber nicht wissen. Und schlief ein.

Boxenstopp in Le Havre

Die Partnerstadt von Magdeburg wirkt nach wenigen Minuten erstaunlich bekannt. Die 15-jährige Jumelage scheint also kein Zufall zu sein.

Ein paar erste, bewusst oberflächliche Beobachtungen:

• Architektur der 50er prägt hier wie dort das Stadtbild. In Le Havre streng, klar und modernistisch. In Magdeburg eher mit einem Hauch sozialistischer Zuckerbäckerei.

• Beide Städte haben ein Zentrum, das irgendwie keine echte Mitte sein will.

• Windräder werden hier ebenfalls gebaut und der Hafen. Wobei der Vergleich ungefähr so fair ist wie ein Wettrennen zwischen Elbe und Atlantik. Magdeburg wirkt daneben eher wie die Modelleisenbahn-Version einer Hafenstadt.

• Le Havre ist keine Stadt der Liebe auf den ersten Blick. Eher eine, die sagt: „Gib mir zehn Minuten länger.“

Vorläufiges Fazit nach einer ziemlich knappen Stunde:

Le Havre und Magdeburg sind wie zwei alte Hafenmöwen. Der Zweite Weltkrieg hat beiden ordentlich die Federn gerupft. Der Wiederaufbau hat ihnen einen etwas eigenwilligen Look verpasst. Schönheiten im klassischen Sinn? Darüber lässt sich streiten.

Aber beide trotzen Wind und Wetter, ziehen ihr Ding durch und werden mit jedem zweiten Blick interessanter.

Oder anders gesagt: Städte, die man nicht sofort ins Herz schließt – die sich dort aber erstaunlich hartnäckig einnisten.

Tag 7: Ein Geschenk an mich selbst

Es war ein großartiger Trip – herausfordernd, überraschend und tief berührend. Mein Geschenk an mich selbst zum 60. Geburtstag. Und, wie sich herausgestellt hat: eine ziemlich gute Wahl.

Eine wilde, beeindruckende Landschaft. Eine Gruppe, wie man sie sich nur wünschen kann. Und mit Minna und Kimmo Guides, die uns mit Ruhe, Klarheit und wachem Blick durch Eis, Matsch und polarbärverdächtiges Terrain geführt haben.

Jeden Abend fragt Kimmo in die Runde: „Na, wie würdet ihr den Tag bewerten – auf einer Skala von 1 bis 10?“
Meine Antwort?
Ein lautes, klares, überzeugtes: Elf.

www.porta-artica.fi

Tag 6: Geisterstadt Pyramiden – Sowjetcharme mit Gänsehaut

Wenn ich an Pyramiden denke, denke ich zuerst an: die Kantine. Kein Scherz. Dieser Ort ist wie eingefroren in der Zeit. Tabletts, Gläser, Salzstreuer, Blumendeko – alles steht noch da, als wäre man nur kurz in der Pause. Nur dass diese Pause 1998 begann. Und keiner kam zurück.

Mit unserer russischen Guide streifen wir durch die Gebäude der Stadt. Jedes erzählt Geschichten. Man muss nichts rekonstruieren – man sieht sie einfach. Und plötzlich ist man mittendrin: in einer Welt, die es nicht mehr gibt, aber noch da ist. Es ist ein gespenstisch faszinierendes Stillleben in Stadtgröße. 

Formulare auf den Schreibtischen, Stempel in Schubladen, Uhren an den Wänden, Kochtöpfe auf dem Herd, bunte Mosaike in Fluren und Speisesaal, Kinderbettchen mit Bettwäsche. Man wandert durch die Räume wie durch ein eingefrorenes Leben – und kann einfach nicht aufhören zu schauen, zu staunen, zu entdecken.

Eine sowjetische Modellstadt am Ende der Welt

Pyramiden war kein einfaches Bergarbeiterdorf. Es war ein Prestigeprojekt. Wer hier lebte, gehörte dazu. Es gab alles: Schule, Kindergarten, Kulturhaus, Krankenhaus, Kino, eine Sporthalle mit Schwimmbecken (!), Sauna – und natürlich: die Kantine für ein halbes Dorf. Massiv, funktional, durchdacht. Und jetzt: verlassen. Verstummt.

Pyramiden gehört auf meine Liste der schrägsten, eindrucksvollsten, merkwürdigsten Orte, die ich je besucht habe. Zwischen Retro-Charme, stiller Melancholie und einem leisen Frösteln – ein Ort, der bleibt. Unter der Haut.

Hier geht es zur Kantine

Essensausgabe

Aufgang zur Kantine – mit beheizten Handläufen

Kochtöpfe für 1000

Zwischeneinschub: Und manchmal kommt alles anders als man denkt…

Der Plan für heute? Eigentlich ganz einfach – und ziemlich perfekt:

  • Ankunft in Pyramiden
  • „Wir haben es geschafft!“-Bierchen an der legendären Hotelbar
  • Einchecken in die Zivilisation – mit Dusche, echtem Bett und allem, was dazu gehört (Pyramiden hat ein Hotel, wohlgemerkt – ein richtiges Hotel, wie Kimmo betont)
  • Eine Umgebungstour mit Kimmo und Minna (Achtung: ohne Gewehr geht hier gar nichts – a) Küste, b) Gletscher, c) Eisbären finden beides super)
  • Abendessen – mit weiterem Bier (das russische Bier ist erstaunlich schmackhaft!)
  • Und morgen dann: Stadtrundgang mit russischer Guide

Soweit der Plan. Klingt gut, oder? Tja – und dann kam Sergej, unser Bootsmann. Der steht plötzlich da und sagt:
„Wenn ihr heute nicht zurück nach Longyearbyen fahrt, dann gar nicht. Morgen Sturm.“

Tja. So schnell kann’s gehen. Also Notfallmodus. Und zum Glück gibt’s Minna. Minna, unsere taffe, pragmatische Retterin. Sie organisiert in Windeseile die für morgen geplante Tour auf heute vor, schmeißt den Zeitplan um, wirbelt durch die Geisterstadt – und findet am Ende sogar noch Hotelzimmer im fast ausgebuchten Longyearbyen. Und das mit dem Bier, der Dusche und dem Abendessen haben wir trotzdem abgehakt. 

Das richtige Hotel

Die Lobby

Tag 5: Auf nach Pyramiden – mit Geweih und Sonnenschein

Der letzte Wandertag – und er beginnt mit einem fast schon verdächtigen Versprechen: „Das wird die einfachste Etappe.“ Angeblich gibt es sogar Wege. Also richtige Wege. Oha!

Ich fasse einen Plan: Wenn ich heute ein Rentiergeweih finde, nehme ich es mit. Punkt. Susanne trägt ihres schon seit vier Tagen mit stoischer Eleganz durch die Wildnis – ein imposantes Accessoire zwischen Outdoor-Kunstobjekt und natürlicher Trophäe. Meins wird vielleicht etwas bescheidener ausfallen – denn ich nehme, was ich heute finde. Und, Minna sei Dank, ist es auch ein schönes. 🙂

Kleiner Wildnis-Fact am Rande: Nur Geweihe ohne Schädelknochen darf man mitnehmen – sonst hängt da – laut norwegischer Interpretation – noch ein Tier dran. Und das wäre dann eher… ungünstig.

Auch das Wetter meint es gut mit uns: Sonnenschein, milde Luft, blühende Täler – es riecht nach Moos, Leben, Abenteuer und auch ein bisschen nach Abschied. Ein rundum schöner letzter Wandertag – einer, der nicht an den Kräften, sondern am Herz zieht.

Und dann: Pyramiden. Die Ankunft ist… schwer zu beschreiben. Spektakulär? Nicht ganz. Surreal trifft es besser. Wie ein Filmset ohne Film. Aber dazu mehr – in meinem nächsten Beitrag.

Unser letzter gemeinsamer Wandertag

Wege?
Mit Wegen?

Päuschen

Ha!

Das sind die mit Tier dran.

Rückblick auf den Torfjellet

Zielgrade – eigentlich war es ohne Wege auch sehr nett.

Tag 4: Torfjellet – Hoch hinaus mit leichtem Gepäck

Endlich! Die gute Nachricht gleich am Morgen: Heute reicht der Tagesrucksack. Der große Kram bleibt brav beim Zelt – da kommt eh keiner hin außer ein paar Rentieren mit gutem Riecher für Outdoor-Müsli. Fast schon Wellness. 

Unser Ziel: der Torfjellet. Klingt nett, ist aber ein ernstzunehmender Brocken. Der Aufstieg? Steil. Felsig. Aber hey, die Steine haben erstaunlich guten Grip – man kraxelt hoch, vorsichtig, Step bei Step, wie eine in die Jahre gekommen Bergziege. 

Auf dem Weg nach oben zeigt sich Pyramiden – unser nächstes Ziel – zum ersten Mal. Nur zehn Kilometer Luftlinie entfernt, gefühlt zum Greifen nah. 

Aber der eigentliche Wow-Moment kommt auf einer Hochebene kurz vor dem Gipfel: ein 300-Grad-Rundumblick über Spitzbergen. Berge, Gletscher, Weite, Einsamkeit – ein Panorama, das gleichzeitig laut und still ist. 

Ganz bis ganz oben schaffen wir es nicht – zu viel Eis, zu viel Schnee, zu wenig Lust auf unfreiwilliges Rutschen. Aber ehrlich gesagt: das Gefühl, ganz oben zu sein, ist trotzdem, da. 

Während meine Knie sich mental auf den Rückweg über den steilen Hang vorbereiten, kommt Kimmo mit der rettenden Info: „Wir nehmen einen anderen Weg runter.“ Danke, Kimmo!  

Was folgt, ist nicht nur ein leichter Abstieg, sondern auch eine weitere Belohnung in Form von spektakulären Wasserfällen. Wild, laut, wunderschön – der perfekte Abschluss für einen perfekten Wandertag.

In der Ferne: Pyramiden

Lagerleben & Bärenwache – Wildnis für Anfängerinnen (mit Schaufelpflicht)

Kaum habe ich mich mit Matsch, Kälte und müden Beinen arrangiert, entfaltet das Wildnisleben seinen ganz eigenen Charme. Und siehe da: Aus dem frierenden, muffelnden Wildnisgreenhorn wird eine halbwegs funktionierende Lagerbewohnerin – mit überraschender Begeisterung für nächtliche Patrouillen, Wasserbeutel und Schaufelkommunikation.

Learning #1: Wasser ist der Beginn von allem.

Der Tag beginnt mit Wasserkochen: für Kaffee (lebensnotwendig), fürs Essen, fürs Wandern. Es gibt geniale Stoff-Wasserbeutel (Marke zensiert, um Influencerstatus zu vermeiden), mit denen wir das frische Nass holen. Aber die Quelle ist meist nicht um die Ecke.

Learning #2: Tarps sind die Wohnzimmer der Wildnis.

Ein Tarp ist nicht nur ein Stück Stoff – es ist Küche, Wohnzimmer, Gemeinschaftsraum und Eisbärenwache-Unterschlupf in einem. Ohne geht gar nichts. Die Wanderstöcke, eigentlich zum Gehen gedacht, dienen hier plötzlich als tragende Säulen der Outdoor-Architektur. MacGyver wäre stolz.

Learning #3: Das stille Örtchen – ganz großes Kino

Über die Wildnis-Toilette wird ja gerne geschwiegen. Dabei ist es essentiell, also: Man suche einen abgelegenen Ort, buddele ein Loch, platziere flache Steine rundherum für den Hock-Komfort und voilà – willkommen im Natur-WC.

Das Wichtigste: die Schaufel. Sie ist nicht nur Werkzeug, sondern auch Kommunikationsmittel. Aufrecht in den Boden gesteckt = frei. Flach hingelegt = besetzt. (Und ja, die Schaufel musste immer mitgenommen werden. Immer. Zum Glück im rotierenden Dienst.)

Learning #4. Bärenwache, mein Zen-Moment

Vier Schichten à zwei Stunden: 23–1 Uhr, 1–3, 3–5, 5–7. Klingt brutal, war aber magisch. Dick eingepackt wanderte ich nachts durch die Stille – manchmal bei schönstem Sonnenschein.  3–4 km Achtsamkeit, Naturkino, Bärenchecks. Ich fühlte mich wie eine Mischung aus Pfadfinderin und Nachtwächterin – verantwortlich für die schnarchende Crew. Und ehrlich: Ich mochte es.

Fazit:

Lagerleben ist nichts für Zimperliche – aber ziemlich großartig. Ich kam als skeptische Städterin und ging mit einer Vorliebe für Tarps, nächtliche Einsamkeit und dem besten Kloausblick meines Lebens.

Frühstück

Wasserbeutel und Rentier – wer sieht´s?

Das stille Örtchen

Nachts um halb eins

Tag 3: Angekommen oder wie ein versteinerter Wald mein Herz erweichte

Gestern wollte ich nur eins – heim: zu kalt, zu nass, zu matschig – irgendwo zwischen Expeditionsfrust und nassen Socken hatte ich mein persönliches Stimmungstief erreicht.

Aber heute ist heute: Die morgendliche Sicht aus meinen Zelt ist blau und freundlich, die Stimmung kippt – diesmal nach oben. Ich mag die Menschen um mich herum, mein Schlafsack ist halbwegs trocken, und ich habe endlich aufgehört, innerlich zu motzen. Die Landschaft tat ihr Übriges: wunderschön, wild und still.

Wir wandern zu unserem letzten Zeltplatz, wo wir für zwei Nächte bleiben. Ziel: ein unscheinbarer Ort „am Wald“. Klingt für Spitzbergen falsch – ist es aber ganz und gar nicht. Dieser Wald ist nämlich 380 Millionen Jahre alt. Richtig gelesen. Drei-acht-null. Millionen.

Zwischen Steinen und Geröll finden wir versteinerte Baumstämme, fein gezeichnete Rindenstrukturen, kleine Äste und sogar zarte Blätter, zumindest stelle ich es mir so vor. Alles konserviert wie in einer Zeitkapsel. Es ist, als würde der Boden unter unseren Füßen Geschichten flüstern. Statt Ausruhen im Zelt:  abendliche Fossilienjagd.

Der versteinerte tropische Wald wurde übrigens 2015 von Paläontologen der Unis Cardiff und Southampton entdeckt. Und tropisch, weil Spitzbergen vor knapp 400 Mio. Jahren am Äquator lag.

Und ich? Ich war plötzlich ganz da. Angekommen. Nicht nur im Zelt, sondern in diesem Trip. Und ein kleines bisschen auch bei mir selbst.

Kimmo geht vorneweg

Auf dem Wald