Nach mehr als 1.000 Kilometern und vier Wochen täglicher Radelei entsteht unweigerlich ein liebevolles Verhältnis zum Fahrrad. Das bleibt nicht aus. Meine heißt Hilde und ist ein kleiner Araber: zäh, elegant und ausdauernd. Anton ist ihr bester Freund, Thomas’ türkisfarbener Schatz, etwas kräftiger gebaut – das brauchte er auch in seiner Rolle als Packpferd für die Campingausrüstung.
Nun stehen die beiden dicht aneinandergekuschelt im TGV nach Morlaix – diesmal mit Luft zum Atmen und nicht in Kofferberge eingehüllt – und lassen sich auch einmal kutschieren. Das haben sie sich redlich verdient.
Keinen einzigen Platten hatten wir. Nur einmal ist Antons Kette gerissen. Wie der liebe Gott es wollte, war aber keine 500 Meter weiter schon der nächste Fahrradretter erreichbar.
Danke, dass ihr so zuverlässig wart. Zu Hause machen wir euch wieder hübsch sauber und spendieren eine kleine Wellnesskur. Versprochen.
Bahnfahren ist in Frankreich genauso spannend wie in Deutschland.
Einen Sitzplatz samt Fahrradstellplatz im TGV zu ergattern, ist hohe Kunst und hat inzwischen Goldstaub-Status. Thomas war erfolgreich. Wir fahren von Biarritz nach Dax mit dem Regionalzug, ab Dax weiter mit dem TGV nach Paris. So der Plan.
Nun kommt das Wetter: zu heiß. Die meisten Regionalzüge werden annulliert. Bis auf einen – um 6.13 Uhr in aller Herrgottsfrühe. Prima, wir haben also fünf Stunden Zeit, das beschauliche Seelen-Örtchen Dax zu erkunden.
Der TGV in Dax ist mit fünf Minuten Verspätung erfreulich pünktlich. Unsere Fahrradstellplätze beherbergen allerdings bereits rund zehn große Koffer, die andere Mitreisende mangels Alternativen dort abgestellt haben. Wir machen uns sofort Freunde. Nachdem Platz für die Räder geschaffen ist, die Mitreisenden auf ihren Koffern sitzen und niemand mehr aufs Klo kommt, erwartet uns in Bordeaux die nächste Überraschung: Wir sollen die Plätze tauschen – in einen Waggon ganz am anderen Ende des Zuges. Wohl ohne Fahrräder, denn die bekommen wir wegen der Kofferberge erst einmal nicht mehr bewegt.
Eine Pfadfindergruppe, die bereits eine eintägige Odyssee bei 40 Grad hinter sich hatte, sollte geschlossen in unserem Abteil sitzen. Sympathische Überlegung. Man habe uns doch informiert, erklärt der herbeigerufene Zugbegleiter. Wir zeigen auf unsere Tickets samt Platzzuweisungen in der App. Ja, aber nicht in der App, sondern per E-Mail.
Der nachträgliche Blick ins Postfach zeigt: Er hat recht. Um 12.20 Uhr kam die Nachricht. Abfahrt war um 12.23 Uhr. Unser Learning: stets alle Kanäle im Blick behalten und immer schön flexibel bleiben.
Obwohl – das fulminante Finale kommt noch. Man stelle sich einen 1,50 Meter breiten Bahnsteig im Untergeschoss bei 40 Grad vor und etwa 600 Menschen, die gleichzeitig aus dem Zug strömen. Eine Kindergruppe mit 40 Koffern, die allen im Weg steht, eine Assistenz mit Rollstuhl, die auf einen Fahrgast wartet, und unsere Fahrräder, die man hinter den Kofferbergen kaum noch findet.
Und in den Aufzug passt Thomas’ Fahrrad nicht hinein – durch die Ausstiegspforte übrigens auch nicht.
Ich glaube, wir haben jetzt wirklich alles mitgenommen, was Bahnfahren mit SNCF zu bieten hat. Oder fehlt noch etwas?
Napoleon III. war schon ein interessanter Vogel. Die Familie Bonaparte lebte im Exil, doch Louis-Napoleon wollte vor allem eines: Monarch werden. Nach mehreren unerquicklich gescheiterten Anläufen ließ er sich zunächst ganz demokratisch zum Präsidenten wählen – und krönte sich ein paar Jahre später kurzerhand selbst zum Kaiser.
Paris verdankt ihm die breiten Boulevards und Biarritz seine zweite Karriere. Aus einem rauen Fischerdorf machte er seinen Sommersitz und damit einen der mondänsten Badeorte Europas.
Denn eigentlich war Biarritz eine Stadt der Walfänger. Hier lebten die besten Jäger und Fischer der Region: harte, zähe Kerle, die Küste ist wild und schroff, voller Felsen und Klippen. Statt endloser Sandstrände mit sanften Dünen gibt es hier mehr kleinere Buchten, in denen sich der Sand eine Nische zwischen den Felsen erobert hat. Für uns sehr plötzlich eine ganz andere Landschaft
Eigentlich führt die Vélodyssée noch weiter bis Hendaye. Aber die letzten Kilometer schenken wir uns. Diese Hügel haben es in sich, und wir finden: Biarritz ist ein geradezu königlicher Schlusspunkt für unsere knapp 1.200 Kilometer lange Reise – die übrigens alles war, nur keine Odyssee: Eher ein einziges Staunen über die Vielfalt der Landschaften, die Herzlichkeit der Menschen und die Erkenntnis, dass 1.200 Kilometer viel schneller vergehen, als man glaubt.
Viele Vélodyssée-Fahrer lassen Bayonne links liegen – so kurz vor dem Ziel will man offenbar nur noch nach Biarritz und ins wohlverdiente Finale rollen. Ein Sakrileg, wenn man mich fragt. Denn Bayonne ist ein mittelalterliches Schatzkästchen der Superlative, ein Traum in Blau, Rot und Grün.
Die Farben der Fensterläden und Fachwerkbalken sind typisch fürs Baskenland. Die Häuser selbst sind spektakulär hoch und erstaunlich schmal. Der Platz innerhalb der Stadtmauern war kostbar, also wurde eben nach oben gebaut – für Menschen, Handel und allerlei Waren. Wir haben für zwei Nächte eine klitzekleine Fereinwohnung – mitten in der Altstadt. (Wie schön, mal wieder in einem richtigen Bett zu liegen – vor allem schön breit)
Dazu gibt es mit der Kathedrale Saint-Marie eine gewaltige gotische Kirche samt zauberhaftem Kreuzgang, ein sehenswertes Kunstmuseum und sogar ein Kaufhaus, das sich auch in Paris nicht verstecken müsste. Leider. Aber gut – wir sind ja fast am Ende der Reise und irgendwo ist wohl noch Platz in den Satteltaschen.
Extra-Tipp: Im Kunstmuseum hängen zahlreiche Werke von Léon Bonnat, einem Sohn der Stadt und gefeierten Porträtmaler der Belle Époque. Wer damals Rang, Namen und ausreichend Vermögen besaß, ließ sich von ihm verewigen. So spaziert man dort heute nicht nur vorbei an Werken von Peter Paul Rubens und Co (ja, die hängen da), viel interessanter fand ich eben diese Vertreter der Pariser High Society jener Zeit: Bankiers, Industrielle, Adelige und andere Menschen, die vermutlich nie im Leben ihr Fahrrad selbst einen Berg hinaufgeschoben haben. Und das alles in einem prachtvollen Stadtpalais, das heute das Kunstmuseum beherbergt.
Die Hitze brüllt. In León verkündet das Schild über der Pharmacie ungerührt: 40 Grad. Radfahren? Nicht diskutabel. In Bayonne wartet eine Ferienwohnung und in Biarritz ein heiß begehrter TGV-Sitzplatz samt Fahrradstellplatz. Also wird nicht debattiert, sondern geschwitzt.
Der Plan: früh los, lange Mittagspause, danach entspannt weiter. Der Wettergott hatte allerdings andere Ideen. Statt nachmittäglicher Abkühlung dreht die Hitze im Laufe des Tages erst richtig auf.
Zum Meer gehen wir inzwischen zu den vernünftigen Zeiten: mittags oder abends um acht. Der Atlantik ist herrlich kalt, die Wellen erstaunlich zahm. Und wir perfektionieren die hohe Kunst des Mikroklimatologie. Wir erkennen mittlerweile zuverlässig die feinen Unterschiede zwischen altem Pinienwald, junger und mittelalter Schonung. Keine Frage, wer hier unser heimlicher Favorit ist: alter Wald. Kühler, würdevoller und mit deutlich besseren Manieren als diese 40 Grad.
Natürlich durfte auch ein Besuch der Düne von Pilat nicht fehlen. Als größte Wanderdüne Europas ist sie ein echtes Highlight und beeindruckt schon allein durch ihre gewaltigen Ausmaße. Besonders dankbar waren wir dafür, dass die große Hitze erst einen Tag später Einzug hielt – ich weiß nicht, ob ich sonst raufgeklettert wäre.
In Arcachon empfangen uns lauschige Jazzklänge auf den Straßen. Überraschend. Überhaupt ist Arcachon une bonne surprise. Mit der Erwartung eines Nullachtfünfzehn-Touristenstädtchens im Gepäck – Thomas wollte eigentlich nur kurz durchfahren, und auch ChatGPT zeigte sich eher mäßig begeistert – gefällt mir Arcachon nun ausgesprochen gut. Belle Époque, das sanfte Meer direkt vor der Haustür und jederzeit eine Runde schwimmen.
Die Reichen der frühen Zwanzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts haben auf den Anhöhen ihre Prachtvillen errichtet – die sogenannte Winterstadt. Eine zauberhafter als die andere. Und erfreulicherweise nehmen selbst die Neubauten im Zentrum diese Ästhetik als Leitbild.
Damit dieser Stil, diese Corporate Identity, auch ja keinen Schaden nimmt, wird man allerorten darauf hingewiesen, dass ein Spaziergang mit nacktem Oberkörper durch die Stadt mit 150 Euro Bußgeld geahndet wird.
Da das Plakatmodell ein blauäugiger Mann ist, gehöre ich wohl nicht zur Zielgruppe. Wobei – die Franzosen vermutlich auch nicht.
Dégustation des huîtres et les pieds dans le sable“ stand über der kleinen Cabane ostréicole, einer jener Austernhütten im Village de Pêcheur – dem Herzen der französischen Austernfischerei. Wir sind auf Cap Ferret, dem Darß von Aquitanien, und degustieren mittelgroße Austern und anderes Meeresgetier mit den Füßen im Sand und einem formidablen Blick.
Dass hier Austern gezüchtet werden, ist übrigens kaum zu übersehen. Die gestapelten Plastikteller sind sozusagen der Kindergarten: Hier werden die Austernlarven eingesammelt, einige Monate gehegt und gepflegt, bevor sie auf den langen Austerntischen im Wechselspiel von Ebbe und Flut zu stattlichen Austern heranwachsen.
Trotz aller Austernfaszination bleibe ich dabei: Austern sind mir zu schwabbelig und ein bisschen zu viel Meer auf einmal. Da fühle ich mich mit einer Wellhornschnecke samt Knoblauchmajo deutlich wohler.
Es gibt Geräusche und Gerüche, die marschieren schnurstracks ins Gefühlszentrum. Bei mir sind es das schnarrende Konzert der Zikaden und der würzige Duft der Pinienwälder. Zack – Urlaubsmodus. Sofort. Ohne Vorwarnung.
Und genau diese beiden Sinne werden aktuell im Dauerprogramm verwöhnt. Bereits seit drei Tagen rollen wir auf geradezu formidablen Fahrradwegen durch die Wälder der Atlantikküste. Immer schön geradeaus. Links die Pinien, rechts die Dünen und dahinter das Meer. Als ob das noch nicht reicht: der liebe Gott schenkt uns auch noch einen wunderbaren Rückenwind.
Ich hoffe nur, dass ich mir einen ausreichend großen Vorrat an Zikadenmusik und Pinienparfum anlegen kann, um im November davon zu zehren.
Ansonsten ist die Abwechslung eher von asketischer Natur. Etwa alle zwanzig Kilometer erscheint eine Ferienhaussiedlung mit Strandzugang, bevor wieder Pinien, Dünen und Meer übernehmen. Vielleicht ist genau diese hartnäckige Ereignislosigkeit der eigentliche Luxus.
Nur fotografisch stehe ich vor einem Problem: Für einen Laien wie mich ist es erstaunlich schwierig, diese Szenerie einzufangen, ohne dass am Ende Bilder herauskommen, die verdächtig nach Apotheken-Kalenderblatt aussehen.
Bis gestern war „Ästuar“ für mich ein Wort aus der Kategorie „schon mal gehört, sofort wieder vergessen“. Die Elbe hat eins, die Themse auch und hier bei der Gironde ist es/sie gleich ein besonders beeindruckend. Es ist eine breite Flussmündung, und der Süß- auf Salzwasser treffen aber eben kein Delta mit verschiedenen Flussarmen. Royan ist sie stolze zwölf Kilometer breit.
Mit der Fähre geht es für zehn Euro samt Fahrrad entspannt hinüber. Von vier Fahrzeugdecks gehört eines ganz den Radlern. Dreißig Minuten später spuckt uns das Schiff in Le Verdon-sur-Mer aus, wo ein herrlicher Picknickplatz bereits auf uns und unser Mittagsessen wartet.
Und doch beschäftigt mich eine Frage: Warum heißt das Ding eigentlich Ästuar, wenn es so konsequent auf Äste und Verzweigungen verzichtet? Sprachgeschichte ist manchmal wirklich ein seltsames Gewässer.