Arcachon
In Arcachon empfangen uns lauschige Jazzklänge auf den Straßen. Überraschend. Überhaupt ist Arcachon une bonne surprise. Mit der Erwartung eines Nullachtfünfzehn-Touristenstädtchens im Gepäck – Thomas wollte eigentlich nur kurz durchfahren, und auch ChatGPT zeigte sich eher mäßig begeistert – gefällt mir Arcachon nun ausgesprochen gut. Belle Époque, das sanfte Meer direkt vor der Haustür und jederzeit eine Runde schwimmen.
Die Reichen der frühen Zwanzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts haben auf den Anhöhen ihre Prachtvillen errichtet – die sogenannte Winterstadt. Eine zauberhafter als die andere. Und erfreulicherweise nehmen selbst die Neubauten im Zentrum diese Ästhetik als Leitbild.
Damit dieser Stil, diese Corporate Identity, auch ja keinen Schaden nimmt, wird man allerorten darauf hingewiesen, dass ein Spaziergang mit nacktem Oberkörper durch die Stadt mit 150 Euro Bußgeld geahndet wird.
Da das Plakatmodell ein blauäugiger Mann ist, gehöre ich wohl nicht zur Zielgruppe. Wobei – die Franzosen vermutlich auch nicht.



Tag 18: Cap Ferret – Arcachon
Dégustation des huîtres et les pieds dans le sable“ stand über der kleinen Cabane ostréicole, einer jener Austernhütten im Village de Pêcheur – dem Herzen der französischen Austernfischerei. Wir sind auf Cap Ferret, dem Darß von Aquitanien, und degustieren mittelgroße Austern und anderes Meeresgetier mit den Füßen im Sand und einem formidablen Blick.
Dass hier Austern gezüchtet werden, ist übrigens kaum zu übersehen. Die gestapelten Plastikteller sind sozusagen der Kindergarten: Hier werden die Austernlarven eingesammelt, einige Monate gehegt und gepflegt, bevor sie auf den langen Austerntischen im Wechselspiel von Ebbe und Flut zu stattlichen Austern heranwachsen.
Trotz aller Austernfaszination bleibe ich dabei: Austern sind mir zu schwabbelig und ein bisschen zu viel Meer auf einmal. Da fühle ich mich mit einer Wellhornschnecke samt Knoblauchmajo deutlich wohler.





Tag 16/17: Soulac – Carcans Plage – Cap Ferret
Es gibt Geräusche und Gerüche, die marschieren schnurstracks ins Gefühlszentrum. Bei mir sind es das schnarrende Konzert der Zikaden und der würzige Duft der Pinienwälder. Zack – Urlaubsmodus. Sofort. Ohne Vorwarnung.
Und genau diese beiden Sinne werden aktuell im Dauerprogramm verwöhnt. Bereits seit drei Tagen rollen wir auf geradezu formidablen Fahrradwegen durch die Wälder der Atlantikküste. Immer schön geradeaus. Links die Pinien, rechts die Dünen und dahinter das Meer. Als ob das noch nicht reicht: der liebe Gott schenkt uns auch noch einen wunderbaren Rückenwind.
Ich hoffe nur, dass ich mir einen ausreichend großen Vorrat an Zikadenmusik und Pinienparfum anlegen kann, um im November davon zu zehren.
Ansonsten ist die Abwechslung eher von asketischer Natur. Etwa alle zwanzig Kilometer erscheint eine Ferienhaussiedlung mit Strandzugang, bevor wieder Pinien, Dünen und Meer übernehmen. Vielleicht ist genau diese hartnäckige Ereignislosigkeit der eigentliche Luxus.
Nur fotografisch stehe ich vor einem Problem: Für einen Laien wie mich ist es erstaunlich schwierig, diese Szenerie einzufangen, ohne dass am Ende Bilder herauskommen, die verdächtig nach Apotheken-Kalenderblatt aussehen.




Tag 15: Les Marthes – Soulac-sur-mer
Bis gestern war „Ästuar“ für mich ein Wort aus der Kategorie „schon mal gehört, sofort wieder vergessen“. Die Elbe hat eins, die Themse auch und hier bei der Gironde ist es/sie gleich ein besonders beeindruckend. Es ist eine breite Flussmündung, und der Süß- auf Salzwasser treffen aber eben kein Delta mit verschiedenen Flussarmen. Royan ist sie stolze zwölf Kilometer breit.
Mit der Fähre geht es für zehn Euro samt Fahrrad entspannt hinüber. Von vier Fahrzeugdecks gehört eines ganz den Radlern. Dreißig Minuten später spuckt uns das Schiff in Le Verdon-sur-Mer aus, wo ein herrlicher Picknickplatz bereits auf uns und unser Mittagsessen wartet.
Und doch beschäftigt mich eine Frage: Warum heißt das Ding eigentlich Ästuar, wenn es so konsequent auf Äste und Verzweigungen verzichtet? Sprachgeschichte ist manchmal wirklich ein seltsames Gewässer.


Tag 14: Rochefort – Les Mathes/ La Palmyre
Heute war Brückentag. Und zwar in jeder denkbaren Variante. Erst die berühmte Transbordeurbrücke, auf deren „Übertragung“ wir uns gefreut hatten – nur um pünktlich zur jährlichen vierstündigen Wartung einzutreffen. Timing können wir.
Also haben wir uns die Funktionsweise von der großen, langen, steilen und ausgesprochen windigen Autobrücke aus angesehen. Dort schwebten der Transportteil wie ein fliegender Teppich über die Charente, während wir mit Steigung und Atlantikwind ordentlich zu kämpfen hatten.
Brücke Nummer drei hatte dann ebenfalls ihren eigenen Charakter mit Wind und LKW‘s und einer engen Fahrradspur, führte uns aber immerhin in eine Gegend mit wunderschönen Stränden. Und plötzlich war alles nur noch herrlich: 34 Grad, ein Weg durch den Wald, rechts das Meer – mehr braucht es eigentlich nicht.
Jetzt sitzen wir auf einem kleinen, sternelosen Campingplatz, haben Nachbarn aus Recklinghausen und Thomas kocht Paella. Ende und gut. Sehr! .





Tag 13: La Rochelle – Rochefort
Bis zu 640 Hanffäden brauchte es für ein ordentliches Ankerseil. Besonders begehrt war Hanf aus Riga (lieber Gruß an C.) – fein, zart und offenbar der Kaschmir unter den Fasern.
In Rochefort ist ohnehin alles ein bisschen royal. Selbst die Seilfabrik: die Corderie Royale, ein 220 Meter langer Bau, in dem einst fleißig gedreht und gezwirbelt wurde.
Und auch wir residieren standesgemäß im L’Arsenal Royal – einer wunderschön sanierten Anlage mit Ferienwohnungen, deren Innenhof dazu verleitet, ein wenig königlich zu flanieren. Was Mitgäste erfreulicherweise ebenfalls mit bemerkenswerter Würde tun.



Tag 12: La Rochelle
Mit 15 war ich wohl schon mal hier – als deutsch-französische Austauschschülerin. Nur erinnern kann ich mich an nichts. Eigentlich seltsam, denn diese Stadt ist wunderschön und wunderbar lebendig. Wie Mittelmeer am Atlantik. Wir haben La Rochelle mit beiden Beinen fest auf dem Boden genossen – und zwar ganz und gar velofrei.










Tag 11: La Tranche – La Rochelle
Auf der Karte sah alles herrlich grün und ziemlich idyllisch aus. Und ich sag noch: heute fahren wir den ganzen Tag durch den Wald. Anfangs wurden wir auch nicht enttäuscht: Das Meer immer im Blick und frische Brise um die Nase.
Doch irgendwann hieß es: abbiegen. Und plötzlich lernten wir die Gegend von ihrer landwirtschaftlichen Seite kennen. Jetzt wissen wir immerhin ganz genau, wo das Essen herkommt. Und: Die Felder hier sind tatsächlich noch größer als die in der Börde!
Tja, was folgte, war eher Kategorie „Charaktertraining“: holpriger Radweg, ordentlich warm und Felder ohne Ende. Nicht gerade meine Lieblingsetappe. Kann ja nicht nur schön sein, diese Tour.




Und so fühlte ich mich dann auch.
Les Sables d‘Olonne
Von hier aus startet die wohl spektakulärste Segelregatta der Welt: die Vendée Globe. Einmal um den Globus, allein auf dem Boot und möglichst schnell wieder zurück. Klingt nach einer Mischung aus Abenteuer, Wahnsinn und sehr viel Salzwasser.
Aber auch ohne Weltumsegelung lohnt sich Les Sables. Vor der Haustür liegt ein langer Sandstrand und ganz viel Hafen und die kleine Altstadt hat genau die richtige Portion Charme.


