Es regnet von feinsten. Leichter Nieselregen schwillt an, baut sich zum vernünftigen Strippenregen auf um dann wieder in feine Tröofelei abzuflauen. Das Grau im Himmel schwindet nicht. Dazu 400 Höhenmeter. Nach der ersten kurzen Strecke am ersten Tag meldet sich die innere Reiseleitung, ob das tatsächlich ein Vergnügen wird – wird es.
Zur Versöhnung waren die Hügel doch erstaunlich liebevoll zu uns.
Wir fahren auf einer alten Zugtrasse durch den regennassen Wald. Vorbei an verlassenen Bahnhöfen und wieder bewohnten Bahnwärterhäuschen. Das entschädigt für das Wetter.
Im Finale empfängt uns Carhaix auf dem kommunalen Campingplatz mit einer großen Portion Freundlichkeit und einer netten Alternativen zum Zelt.
Der Tag beginnt mit Sonne. Viel Sonne. Dazu ein phänomenaler Strand und ausgesprochen nette Nachbarn aus England, die uns ungefragt ihre Campingstühle anbieten. Offenbar strahlen wir eine Mischung aus Hilfsbedürftigkeit und Sympathie aus.
Überhaupt scheinen wir auf dem Campingplatz eine kleine Attraktion zu sein. Überall Camper. Überall Wohnmobile. Überall Boomer. Und mittendrin: die beiden Ollen mit dem einzigen Zelt weit und breit. Man wird beäugt wie eine seltene Vogelart.
Bei der Abfahrt sorgt die Rezeption für den nächsten kleinen Kulturschock. Der Mann an der Rezeption freut sich tatsächlich, dass wir überhaupt bezahlen wollen. Zehn Euro wären fällig gewesen. Wir runden auf fünfzehn auf. D
Im Hafen von Roscoff kann man kostenlos parken. Als ordentliche Deutsche kann ich das natürlich nicht einfach glauben und marschiere pflichtbewusst zur Hafenverwaltung. Dort schaut man mich etwas erstaunt an und erklärt, dass das Parken selbstverständlich kostenlos sei. Es störe doch niemanden. So einfach kann die Welt außerhalb Deutschlands manchmal sein.
Die späte Ankunft vom Vorabend fordert allerdings ihren Tribut. Bis wir tatsächlich startklar sind, ist es schon fast Mittag.
Dann geht es endlich los.
Die Fahrräder sind erstaunlich gut bepackt. Vor allem sind sie erstaunlich schwer. Der Wind bläst, die Hügel steigen an, und schon nach kurzer Zeit hauen uns Bretagne und Physik gemeinsam ordentlich um die Ohren. Die Erkenntnis des Tages: Man muss nicht gleich am ersten Tag den Helden spielen.
Also treffen wir eine spontane und ausgesprochen vernünftige Entscheidung: Morlaix. Hotel. Dusche. Bett.
Langsam reinkommen ist schließlich auch eine Strategie.
1569 war der Torcode, 12 unser Stellplatz. Duschen konnten wir in Mobilheim 21 und 22, weil die Waschräume defekt waren. Das klärten wir in fünf Minuten am Telefon.
Erst danach bemerkten wir, dass Campingplätze nicht unbedingt rund um die Uhr besetzt sind. Es war 18.55 Uhr, um 19.00 Uhr war Feierabend.
Eigentlich wollten wir bei Tageslicht ankommen, das Zelt in Ruhe aufbauen und unser Gepäck für den Start am nächsten Morgen sortieren. Doch die Anreise hatte einen anderen Plan.
Eine Bundesstraße wurde direkt vor unserer Nase gesperrt. Google Maps ignorierte das hartnäckig und lotste uns immer wieder dorthin. Das kostete Zeit und Nerven.
Um 23.00 Uhr erreichten wir Roscoff. Der Campingplatz empfing uns mit strömendem Regen und heftigem Meeresrauschen. Bretonischer hätte die Begrüßung kaum sein können.
Es war die erste Nacht in unserem neuen Zelt.
„Hoffentlich hält das Zelt dicht“, sagte Thomas.
Kurz dachte ich über die Alternative nach, wollte es aber lieber nicht wissen. Und schlief ein.
Die Partnerstadt von Magdeburg wirkt nach wenigen Minuten erstaunlich bekannt. Die 15-jährige Jumelage scheint also kein Zufall zu sein.
Ein paar erste, bewusst oberflächliche Beobachtungen:
• Architektur der 50er prägt hier wie dort das Stadtbild. In Le Havre streng, klar und modernistisch. In Magdeburg eher mit einem Hauch sozialistischer Zuckerbäckerei.
• Beide Städte haben ein Zentrum, das irgendwie keine echte Mitte sein will.
• Windräder werden hier ebenfalls gebaut und der Hafen. Wobei der Vergleich ungefähr so fair ist wie ein Wettrennen zwischen Elbe und Atlantik. Magdeburg wirkt daneben eher wie die Modelleisenbahn-Version einer Hafenstadt.
• Le Havre ist keine Stadt der Liebe auf den ersten Blick. Eher eine, die sagt: „Gib mir zehn Minuten länger.“
Vorläufiges Fazit nach einer ziemlich knappen Stunde:
Le Havre und Magdeburg sind wie zwei alte Hafenmöwen. Der Zweite Weltkrieg hat beiden ordentlich die Federn gerupft. Der Wiederaufbau hat ihnen einen etwas eigenwilligen Look verpasst. Schönheiten im klassischen Sinn? Darüber lässt sich streiten.
Aber beide trotzen Wind und Wetter, ziehen ihr Ding durch und werden mit jedem zweiten Blick interessanter.
Oder anders gesagt: Städte, die man nicht sofort ins Herz schließt – die sich dort aber erstaunlich hartnäckig einnisten.