Tag 9: St Gilles – Les Sables d‘ Olonne

Mittwochs ist Markt in St-Gilles-Croix-de-Vie und inzwischen kenne ich mich erstaunlich gut mit den Preisen von Wellhornschnecken, Meeresschnecken und Austern aus.

Bei den Austern wird streng nach Größen von 1 bis 6 sortiert. Irgendwie erinnert mich das an deutsche Spargelklassen – nur eben mit deutlich mehr Meer. Und wie beim Spargel gilt offenbar auch hier: Die mittlere Größe ist am teuersten.

Das Beste kam am Abend, als wir die maritimen Schätze höchstpersönlich verkostet haben. Mein persönlicher Favorit? Ganz klar die Wellhornschnecke. Da hat man wenigstens etwas Ordentliches zwischen den Zähnen.  

Tag 8: Pornic – St.- Gilles-Croix-de-Vie

Unser Nachbar Stefan hat uns per WhatsApp das aktuelle Glücksbarometer deutscher Großstädte geschickt. Oft sind Menschen dort besonders zufrieden, wo die Heimatverbundenheit groß ist – vielleicht nicht automatisch glücklicher, aber irgendwie geerdeter.

Und damit sind wir schon in der Vendée. Die soll ein bisschen anders sein als der Rest Frankreichs. Wobei das vermutlich jedes Département von sich behauptet. Den Vendéern sagt man nach, sie seien zurückhaltender, katholischer und ihrer Region besonders verbunden. Ein klein wenig spürt man diesen Geist tatsächlich. Wir fahren durch die Salzmarschen mit

• unzähligen Kanälen
• winzigen Häfen
• Ragondins (also Nutrias)
• Reihern und jeder Menge Grün
• und einem 24-Stunden-Austernstand

Ja, richtig gelesen: Austern rund um die Uhr. 24 Stück für 12,50 Euro. Die Franzosen wissen halt, was wichtig ist.

Und während wir zwischen Wasserarmen, Gräsern und den etwas überdimensionierten Nagetieren dahingleiten, drängt sich der Gedanke auf: Vielleicht hat Zufriedenheit tatsächlich etwas mit Heimatverbundenheit zu tun. Oder mit einem Austernautomaten, der auch nachts um halb zwei noch geöffnet hat.

Tag 7: St. Nazaire – Pornic

Thomas wollte mit dem Fahrrad über die drei Kilometer lange Brücke über die Loire-Mündung fahren – und ich war ehrlich heilfroh, dass das verboten ist. Hoch, windig, lang, LKW-Verkehr und nur ein absurd schmaler Streifen: nein danke.

Also nahmen wir den Bus. Glücklicherweise waren wir die einzigen Radfahrer; in der Saison sind die acht Plätze rar und heiß begehrt.

Ansonsten: willkommen am Atlantik. Steife Brise, frische Luft, weiter Blick.

Unser Ziel: Pornic. Ein bezauberndes altes Hafenstädtchen wie aus dem Bilderbuch, mit einem unübersehbaren Schloss in allerbester Lage. Zum Abschluss gönnten wir uns ein Hotel mit Blick genau darauf. 

Tag 6: Redon – St. Nazaire

Heute verlassen wir den Kanal und damit auch die liebliche Bretagne. Es geht quer durch die Loire-Atlantique und hinein in die Brière. ChatGPT hatte sie als eine Art „kleine Camargue“ mit großem Entdeckungspotenzial angepriesen. Nun ja.

Tatsächlich erinnert die Landschaft stellenweise an das Spreewaldgebiet: weite Sumpfwiesen, ein Paradies für Vogelbeobachter, durchzogen von Kanälen, Gräben und Straßen. Das hat durchaus seinen Reiz – zumindest, wenn man ein Fernglas griffbereit hat.

Die Ortschaften hingegen wirken oft erstaunlich beliebig. Viele neu gebaute Einfamilienhäuser, die eine gewisse Beliebigkeit aufweisen und auch in jedes Bördedorf passen könnten. Und mit denen eben auch Sichtschutzzäune und großzügig geschotterte Einfahrten Einzug halten – Ade Hortensienhecken und liebevolle Kramigkeit Auch auf den Straßen scheint die Gelassenheit der Bretagne zurückgeblieben zu sein; die Autofahrer treten hier deutlich entschlossener auf.

Tag 5: Josselin – Redon

Heute gab es einen dieser kleinen Aha-Momente zum Thema Kanal. Wie konnten tatsächlich schon dem zweiten Bötchen beim Schleusen zuschauen – diesmal bedient von einem Schleusenwärter mit Hund. Einen Kilometer weiter wartete an der nächsten Schleuse bereits die Wärterin voller Vorfreude auf genau dieses Boot.

Und ich? Ich hatte mir mein Französisch zurechtgelegt, um nach den Kosten der Kanalnutzung zu fragen. Die Antwort kam prompt: „Rien. Zéro.“ Genauso kostenlos wie die Straßen – na ja, jedenfalls viele davon. Ich finde das großartig.

Also kommentiere ich: „C’est la France.“ Darauf folgt ebenso prompt die Korrektur: „Non, c’est la Bretagne.“

Auf unserem Weg passieren wir Malestroit, ein bezauberndes bretonisches Städtchen, das sich ganz selbstverständlich in die Reihe der schönen Entdeckungen dieses Tages einfügt.

Tag 4: Pontivy – Josselin

Die Rohans waren für die Bretagne ungefähr das, was die Medici für Florenz und die Habsburger für Österreich waren. Ihre Hochburgen: Pontivy, Rohan und Josselin. Dabei haben Pontivy und vor allem Josselin prächtige Schlösser spendiert bekommen, Rohan selbst als Namensträger gibt sich eher bescheiden und kann „nur“ mit einer schönen Kirche aufwarten. (Auch der dringend benötigte Carrefour Express zeigt sich wenig kooperativ und hat ausgerechnet heute noch geschlossen. Morgen erst. Natürlich.)

Also treten wir weiter in die Pedale und folgen dem Kanal. …. Und sehen heute das erste Schiffchen, dazu eine Schleuse in voller Aktion. Und ja, alles noch voll manuell – es wirkt gerade so, also ob zwei Menschen der bretonischen Kanalgesellschaft extra für diesen Service angereist sind. Da es zwischen Pontivy und Rohan gefühlt alle 200 Meter eine Schleuse gibt, muss die Fahrt durch diesen Kanal recht kostenintensiv sein….

Das Wetter meint es heute gut mit uns. Kein Regen, kein Drama, nur freundliche Wolken und gelegentlich sogar Sonne. Genug Zuversicht jedenfalls, um das Zelt wieder aus dem Sack zu holen und eine weitere Nacht unter freiem Himmel zu wagen. Bis jetzt scheint die Bretagne nichts dagegen zu haben. 

Tag 3: Carhaix – Pontivy

90 Kilometer und knapp 500 Höhenmeter. Eigentlich schon etwas über der Grenze dessen, was ich als Vergnügen bezeichnen würde.

Aber die Strecke hat vieles wettgemacht. Denn heute ging es den ganzen Tag am Canal de Nantes à Brest entlang. Den ließ Napoleon Anfang des 19. Jahrhunderts bauen, um die britische Seeblockade zu umgehen und die Bretagne besser zu erschließen und zu kontrollieren. Über 200 Jahre später dient er vor allem Radfahrern als ziemlich perfekte Leitplanke durch die Bretagne.

Wir hangelten uns von Schleuse zu Schleuse und schauten uns die kleinen Schleusenwärterhäuschen an. Alle nach demselben Muster gebaut, aber jedes inzwischen mit eigenem Charakter. Mal geschniegelt, mal charmant in die Jahre gekommen . Und einige haben inzwischen eine zweite Karriere als Café oder Restaurant begonnen. Das führte dann leider zu mehr Pausen, als ursprünglich geplant.


Morlaix

Morlaix soll eines der schönsten Orte der Nordbretagne sein. Stimmt!
Der Regen und auch ein bisschen die Beine, die sich an das Programm noch gewöhnen müssen, schicken uns ins Grand Hôtel de l’Europe. Die Mondänität ist etwas in die Jahre gekommen, blitzt aber überall noch auf. Dazu genießen wir eine großartige Aussicht über die Dächer der Stadt und ein für französische Verhältnisse erstaunlich opulentes Frühstück.

Tag 1: Roscoff – Morlaix

Der Tag beginnt mit Sonne. Viel Sonne. Dazu ein phänomenaler Strand und ausgesprochen nette Nachbarn aus England, die uns ungefragt ihre Campingstühle anbieten. Offenbar strahlen wir eine Mischung aus Hilfsbedürftigkeit und Sympathie aus.

Überhaupt scheinen wir auf dem Campingplatz eine kleine Attraktion zu sein. Überall Camper. Überall Wohnmobile. Überall Boomer. Und mittendrin: die beiden Ollen mit dem einzigen Zelt weit und breit. Man wird beäugt wie eine seltene Vogelart.

Bei der Abfahrt sorgt die Rezeption für den nächsten kleinen Kulturschock. Der Mann an der Rezeption freut sich tatsächlich, dass wir überhaupt bezahlen wollen. Zehn Euro wären fällig gewesen. Wir runden auf fünfzehn auf.

Im Hafen von Roscoff kann man kostenlos parken. Als ordentliche Deutsche kann ich das natürlich nicht einfach glauben und marschiere pflichtbewusst zur Hafenverwaltung. Dort schaut man mich etwas erstaunt an und erklärt, dass das Parken selbstverständlich kostenlos sei. Es störe doch niemanden. So einfach kann die Welt außerhalb Deutschlands manchmal sein.

Die späte Ankunft vom Vorabend fordert allerdings ihren Tribut. Bis wir tatsächlich startklar sind, ist es schon fast Mittag.

Dann geht es endlich los.

Die Fahrräder sind erstaunlich gut bepackt. Vor allem sind sie erstaunlich schwer. Der Wind bläst, die Hügel steigen an, und schon nach kurzer Zeit hauen uns Bretagne und Physik gemeinsam ordentlich um die Ohren. Die Erkenntnis des Tages: Man muss nicht gleich am ersten Tag den Helden spielen.

Also treffen wir eine spontane und ausgesprochen vernünftige Entscheidung: Morlaix. Hotel. Dusche. Bett.

Langsam reinkommen ist schließlich auch eine Strategie.

Roscoff

1569 war der Torcode, 12 unser Stellplatz. Duschen konnten wir in Mobilheim 21 und 22, weil die Waschräume defekt waren. Das klärten wir in fünf Minuten am Telefon.

Erst danach bemerkten wir, dass Campingplätze nicht unbedingt rund um die Uhr besetzt sind. Es war 18.55 Uhr, um 19.00 Uhr war Feierabend.

Eigentlich wollten wir bei Tageslicht ankommen, das Zelt in Ruhe aufbauen und unser Gepäck für den Start am nächsten Morgen sortieren. Doch die Anreise hatte einen anderen Plan.

Eine Bundesstraße wurde direkt vor unserer Nase gesperrt. Google Maps ignorierte das hartnäckig und lotste uns immer wieder dorthin. Das kostete Zeit und Nerven.

Um 23.00 Uhr erreichten wir Roscoff. Der Campingplatz empfing uns mit strömendem Regen und heftigem Meeresrauschen. Bretonischer hätte die Begrüßung kaum sein können.

Es war die erste Nacht in unserem neuen Zelt.

„Hoffentlich hält das Zelt dicht“, sagte Thomas.

Kurz dachte ich über die Alternative nach, wollte es aber lieber nicht wissen. Und schlief ein.