Tag 4: Torfjellet – Hoch hinaus mit leichtem Gepäck

Endlich! Die gute Nachricht gleich am Morgen: Heute reicht der Tagesrucksack. Der große Kram bleibt brav beim Zelt – da kommt eh keiner hin außer ein paar Rentieren mit gutem Riecher für Outdoor-Müsli. Fast schon Wellness. 

Unser Ziel: der Torfjellet. Klingt nett, ist aber ein ernstzunehmender Brocken. Der Aufstieg? Steil. Felsig. Aber hey, die Steine haben erstaunlich guten Grip – man kraxelt hoch, vorsichtig, Step bei Step, wie eine in die Jahre gekommen Bergziege. 

Auf dem Weg nach oben zeigt sich Pyramiden – unser nächstes Ziel – zum ersten Mal. Nur zehn Kilometer Luftlinie entfernt, gefühlt zum Greifen nah. 

Aber der eigentliche Wow-Moment kommt auf einer Hochebene kurz vor dem Gipfel: ein 300-Grad-Rundumblick über Spitzbergen. Berge, Gletscher, Weite, Einsamkeit – ein Panorama, das gleichzeitig laut und still ist. 

Ganz bis ganz oben schaffen wir es nicht – zu viel Eis, zu viel Schnee, zu wenig Lust auf unfreiwilliges Rutschen. Aber ehrlich gesagt: das Gefühl, ganz oben zu sein, ist trotzdem, da. 

Während meine Knie sich mental auf den Rückweg über den steilen Hang vorbereiten, kommt Kimmo mit der rettenden Info: „Wir nehmen einen anderen Weg runter.“ Danke, Kimmo!  

Was folgt, ist nicht nur ein leichter Abstieg, sondern auch eine weitere Belohnung in Form von spektakulären Wasserfällen. Wild, laut, wunderschön – der perfekte Abschluss für einen perfekten Wandertag.

In der Ferne: Pyramiden

Lagerleben & Bärenwache – Wildnis für Anfängerinnen (mit Schaufelpflicht)

Kaum habe ich mich mit Matsch, Kälte und müden Beinen arrangiert, entfaltet das Wildnisleben seinen ganz eigenen Charme. Und siehe da: Aus dem frierenden, muffelnden Wildnisgreenhorn wird eine halbwegs funktionierende Lagerbewohnerin – mit überraschender Begeisterung für nächtliche Patrouillen, Wasserbeutel und Schaufelkommunikation.

Learning #1: Wasser ist der Beginn von allem.

Der Tag beginnt mit Wasserkochen: für Kaffee (lebensnotwendig), fürs Essen, fürs Wandern. Es gibt geniale Stoff-Wasserbeutel (Marke zensiert, um Influencerstatus zu vermeiden), mit denen wir das frische Nass holen. Aber die Quelle ist meist nicht um die Ecke.

Learning #2: Tarps sind die Wohnzimmer der Wildnis.

Ein Tarp ist nicht nur ein Stück Stoff – es ist Küche, Wohnzimmer, Gemeinschaftsraum und Eisbärenwache-Unterschlupf in einem. Ohne geht gar nichts. Die Wanderstöcke, eigentlich zum Gehen gedacht, dienen hier plötzlich als tragende Säulen der Outdoor-Architektur. MacGyver wäre stolz.

Learning #3: Das stille Örtchen – ganz großes Kino

Über die Wildnis-Toilette wird ja gerne geschwiegen. Dabei ist es essentiell, also: Man suche einen abgelegenen Ort, buddele ein Loch, platziere flache Steine rundherum für den Hock-Komfort und voilà – willkommen im Natur-WC.

Das Wichtigste: die Schaufel. Sie ist nicht nur Werkzeug, sondern auch Kommunikationsmittel. Aufrecht in den Boden gesteckt = frei. Flach hingelegt = besetzt. (Und ja, die Schaufel musste immer mitgenommen werden. Immer. Zum Glück im rotierenden Dienst.)

Learning #4. Bärenwache, mein Zen-Moment

Vier Schichten à zwei Stunden: 23–1 Uhr, 1–3, 3–5, 5–7. Klingt brutal, war aber magisch. Dick eingepackt wanderte ich nachts durch die Stille – manchmal bei schönstem Sonnenschein.  3–4 km Achtsamkeit, Naturkino, Bärenchecks. Ich fühlte mich wie eine Mischung aus Pfadfinderin und Nachtwächterin – verantwortlich für die schnarchende Crew. Und ehrlich: Ich mochte es.

Fazit:

Lagerleben ist nichts für Zimperliche – aber ziemlich großartig. Ich kam als skeptische Städterin und ging mit einer Vorliebe für Tarps, nächtliche Einsamkeit und dem besten Kloausblick meines Lebens.

Frühstück

Wasserbeutel und Rentier – wer sieht´s?

Das stille Örtchen

Nachts um halb eins

Tag 3: Angekommen oder wie ein versteinerter Wald mein Herz erweichte

Gestern wollte ich nur eins – heim: zu kalt, zu nass, zu matschig – irgendwo zwischen Expeditionsfrust und nassen Socken hatte ich mein persönliches Stimmungstief erreicht.

Aber heute ist heute: Die morgendliche Sicht aus meinen Zelt ist blau und freundlich, die Stimmung kippt – diesmal nach oben. Ich mag die Menschen um mich herum, mein Schlafsack ist halbwegs trocken, und ich habe endlich aufgehört, innerlich zu motzen. Die Landschaft tat ihr Übriges: wunderschön, wild und still.

Wir wandern zu unserem letzten Zeltplatz, wo wir für zwei Nächte bleiben. Ziel: ein unscheinbarer Ort „am Wald“. Klingt für Spitzbergen falsch – ist es aber ganz und gar nicht. Dieser Wald ist nämlich 380 Millionen Jahre alt. Richtig gelesen. Drei-acht-null. Millionen.

Zwischen Steinen und Geröll finden wir versteinerte Baumstämme, fein gezeichnete Rindenstrukturen, kleine Äste und sogar zarte Blätter, zumindest stelle ich es mir so vor. Alles konserviert wie in einer Zeitkapsel. Es ist, als würde der Boden unter unseren Füßen Geschichten flüstern. Statt Ausruhen im Zelt:  abendliche Fossilienjagd.

Der versteinerte tropische Wald wurde übrigens 2015 von Paläontologen der Unis Cardiff und Southampton entdeckt. Und tropisch, weil Spitzbergen vor knapp 400 Mio. Jahren am Äquator lag.

Und ich? Ich war plötzlich ganz da. Angekommen. Nicht nur im Zelt, sondern in diesem Trip. Und ein kleines bisschen auch bei mir selbst.

Kimmo geht vorneweg

Auf dem Wald

Tag 2: Willkommen in Mordor

Es fühlt sich an wie Fasten. Der zweite Tag ist bekanntlich der schlimmste – und dieser hier macht seinem Ruf alle Ehre.

Nieselregen. Wind. Und eine Landschaft, die plötzlich ihr wahres Gesicht zeigt: Schluss mit lieblich, willkommen in der Stein- und Schlammhölle. Überall Geröll, Felsplatten, Schotter und matschiger Boden, der mehr an Tolkien als an Tundra erinnert. Susanne sagt: „Mordor.“ Ich stimme innerlich zu – nur mit weniger epischem Soundtrack.

Und dann passiert’s: Der Schlamm wird mein Endgegner. Mit 16 Kilo auf dem Rücken sinke ich bis zu den Knöcheln ein – und komme alleine nicht mehr raus. Die Arktis zieht mich runter, ganz wörtlich. Minna eilt zur Hilfe, zieht mich raus wie eine Heldin im Schlamm – und was mache ich? Ich beschimpfe sie. Wüst. Völlig grundlos. Rückblickend: peinlich. In dem Moment: schlicht überfordert.

Die nächtliche Bärenwache raubt mir dann noch den letzten Rest an Schlaf – und an guter Laune. Ich sitze da, in der Kälte, den Schlafsack noch halb im Gesicht, das Fernglas im Anschlag und frage mich nur:

Beam mich hier raus. Bitte. Sofort.

Tag 1: Draußen – und gleich mittendrin

Mit offenen Booten geht’s los – eingepackt in knallige Überlebensanzüge, irgendwo zwischen Michelin-Männchen und Actionheld. Und ja: Es fühlt sich ziemlich cool an. Etwa eineinhalb Stunden schippern wir durchs eiskalte Wasser, vorbei an arktischer Küste. Unser Ziel: eine kleine Bucht fernab jeglicher Zivilisation.

Spuren menschlichen Lebens sind dennoch da – wenn auch nur noch Fragmente: eine verlassene Jagdhütte. Rund 500 Meter weiter: das Skelett eines alten Bootswracks, wie zufällig in die Landschaft geworfen. Irgendwann, so erzählt man sich, habe es hier sogar den Versuch gegeben, Anhydrid zu fördern. Die Wildnis hatte offenbar andere Pläne.

Was uns erwartet, ist überraschend sanft: ein liebliches Tal, eingebettet in dramatische Canyonberge. Überall kleine, zähe Blumen, Rentiergeweihe wie aus einem Katalog für nordische Mythen, und leuchtend grüne Moospolster, die wirken, als hätte jemand mit einem Textmarker durch die Tundra gemalt.

Nach rund neun Kilometern erreichen wir unseren ersten Lagerplatz. Der Aufstieg dorthin – kurz, aber steil, steinig und mit schwerem Gepäck ein echtes Brett – ist zum Glück schnell vergessen. Der Blick zurück, das Zelt inmitten der Einsamkeit, der kühle Wind – alles fühlt sich plötzlich richtig an.

Im Hafen

Hauptsache warm …..

Gelandet

Unsere erste Nacht outdoor

Die erste Nachtwache

Optimismus wiegt manchmal schwer

Ich war ziemlich optimistisch unterwegs: Zu Hause zeigte die Waage 12 Kilo für meinen Rucksack – das schien mir für Tagesetappen von rund 10 Kilometern absolut vertretbar. Die genauen Maßangaben von Kimmo im Vorbereitungs-Zoom hätten mich vielleicht nachdenklich machen sollen. Taten sie aber nicht.

Was noch fehlte: Frühstück, Mittag- und Abendessen in Trockennahrung, Thermosbecher, Gaskartusche, Kocher, Tarp – und das alles wollte irgendwie noch ins Gepäck.

Und die 35 Grad beim Packen in Deutschland hatten meinen Realitätssinn zusätzlich etwas getrübt. Und weil es in der nördlichsten Stadt der Welt verdammt gute (und viele!) Outdoorläden gibt, habe ich vor Ort noch ein dickes Fleece und ein paar zusätzliche Merino-Shirts „zur Sicherheit“ eingepackt. Ergebnis: 16,5 Kilo.

In leicht panischer Erkenntnis, dass ich dieses Gewicht vielleicht nicht dauerhaft schultern kann, habe ich dann heldenhaft meine Tüten mit Mandeln und Datteln im Coal Miners zurückgelassen.

Ehrlich? Dafür habe ich mich später bei diversen nächtlichen Bärenwachen mehrfach verflucht.

PS: Großer Dank an Susanne, die mir Kocher und Tarp abgenommen hat. Ohne sie hätte ich vermutlich auch noch mein Müsli geopfert.

Das muss noch mit!

Wer hat den schwersten Rucksack? Kurz vor der Abfahrt sind wir alle skeptisch.

Geht ja … irgendwie…

Alles muss mit!

Bei 16 Kilo braucht man öfters eine ……Pause.

Longyearbyen und die Kohle

Am 30. Juni 2025, vier Tage vor unserer Ankunft, stellte Grube Nummer 7 als letzte ihre Arbeit ein – nach über 100 Jahren Kohlebergbau in Longyearbyen. Damit endete wahrscheinlich eine Ära, die diese raue Polarwelt geprägt hat wie keine zweite.

Die Stadt wurde 1906 vom US-Amerikaner John Munro Longyear gegründet – daher auch der Name. Er erkannte früh das Potenzial der Kohlevorkommen auf Spitzbergen. In einer Welt vor Erdöl und Atomkraft war Kohle das schwarze Gold. Der Abbau begann noch im Gründungsjahr – mühsam, kalt, gefährlich. Ein Pionierleben mit hoher Unfallrate.

Später übernahm der norwegische Staatskonzern Store Norske. Noch heute durchziehen die markanten hölzernen Seilbahnstützen (Taubanesentralen) das Tal – viele davon umgefallen, einige stehen noch wie vergessene Wachtürme einer untergegangenen Industrie. Dystopisch, aber schön.

Grube 2b, unser Lieblingsrelikt auf dem Weg zum Hotel, hängt wie ein Wespennest in der Felswand. Bis in die 50er- und 60er-Jahren war sie aktiv – berüchtigt für Unfälle und irgendwann einfach aufgegeben. Heute rostet sie still vor sich hin, halb Ruine, halb Mahnmal.

Natürlich krabbeln wir hinauf. Der Blick übers Tal ist spektakulär, die Szenerie surreal. Hier hat jemand buchstäblich die Schaufel fallen lassen und ist gegangen.

Untergebracht sind wir übrigens stilecht im Coal Miners’ Hotel – den früheren Arbeiterbaracken am Talende. Gemütlich, rustikal, ein bisschen aus der Zeit gefallen. Und gleich ums Eck steht das berühmte „Achtung Eisbären“-Schild. Na dann: Glück auf!

Blick auf Coal Miners

Longyearbyen – hübsch-hässlich und jenseits von allem

Der Begriff „hübsch-hässlich“ trifft Longyearbyen ziemlich gut. Spektakulär ist vor allem die Lage: als nördlichste „Stadt“ der Welt. Wobei – bei knapp 3000 Einwohnern ist „Stadt“ vielleicht schon ein bisschen überambitioniert. Ausnahme: Wenn die AIDA anlegt. Dann verdoppelt sich die Bevölkerung innerhalb von Minuten. Für ein paar Stunden herrscht plötzlich Großstadt-Feeling in der Arktis – inklusive Selfie-Wahn und Softshelljacken in Rudelformation.

Und doch hat dieser Ort eine ganz eigene, stille Schönheit. Longyearbyen duckt sich inmitten der gewaltigen Polarlandschaft, umgeben von weiß-grau gestreiften Bergen, die so surreal wirken, als hätte jemand sie direkt aus einem Fantasy-Film geschnitten. Dazwischen: bunte Holzhäuser, wie Farbtupfer auf einer leeren Leinwand.

„Hässlich“ ist relativ. Nur eben kein skandinavisches Bilderbuchidyll. Statt Hygge und nordischem Design trifft man vielfach funktionale Zweckbauten mit skandinavischem Container-Charme, halbfertig wirkende Straßen, Schotterflächen und dicke Rohre, die sich wie lebenswichtige Adern durch den Ort ziehen.

Aber all das hat seinen Grund. Die Häuser werden oft vormontiert angeliefert, stehen auf Stelzen – aus gutem Grund: Wenn der Permafrost auftaut, wird der Boden instabil. Hier regiert der Pragmatismus. Und das ergibt Sinn in einem Ort, der fast die Hälfte des Jahres in Dunkelheit und Eiseskälte erstarrt.

Denn machen wir uns nichts vor: Spitzbergen ist kein Ort für Menschen. Anders als zum Beispiel in Grönland hat es hier nie indigene Bevölkerung gegeben. Diese Inselgruppe war lange Zeit schlicht ein Ressourcenlager: erst Kohle, dann Forschung, heute auch ein wenig Tourismus. Der Mensch ist hier Gast – und das merkt man.

Der alte Kohleumschlagplatz

das alte Longyearbyen

Auf nach Rabat

Wo die Bahn ONCF nicht hinfährt, übernehmen Busse von Supratours oder CTM. 

Wir fahren mit CTM direkt von Essaouira nach Rabat – 8 Stunden. Obwohl die Straßen sehr gut ausbaut sind, muss sich unser Bus gerade im Süden  durch Marktstrassen schlängeln und wird dann eben mal vom kleinen Eselskarren ausgebremst – die sind hier gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer – da hilft auch kein Hupen, Monsieur le Conducteur. 

In Rabat ist man plötzlich ein Jahrhundert weiter – zumindest der Busterminal in Raumschiff-Enterprise-Dimensionen. Ganz neu und ganz modern  – der größte in Marokko. 

Ein bisschen mehr Fortschritt hätte ich mir bei der ein oder anderen Pinkelpause gewünscht, da war definitiv Luft nach oben. 

Unser Riad in Essouria

Wir wollten mal wieder richtig frühstücken – so ohne Marmelade dafür mit viel Gemüse – und selber kochen und haben uns eine Ferienwohnung gebucht. Wir landeten überraschend in einem ganzen Riad, mit zwei Terrassen, unglaublich viel Platz und Meerblick. 

Ein wenig in Jahre gekommen, dennoch äußerst charmant, schön saniert und vollgestopft mit  Bildern. Den Besitzer haben wir allerdings gar nicht kennengelernt, der Teppichhändler gegenüber hat uns den Schlüssel in die Hand gedrückt. Das war’s denn. 

Irgendwann kam der andere Teppichhändler und wollte dann doch ein Foto von unseren Pässen machen. Das war’s denn wirklich. 

Für noch nicht mal 50 Euro die Nacht.